Shakespeares Schwester

“[Ich] will mir einmal vorstellen, was geschehen wäre, wenn Shakespeare eine wunderbar begabte Schwester gehabt hätte, sagen wir, mit dem Namen Judith. […] Sie nahm hin und wieder ein Buch zu Hand, eines ihres Bruders vielleicht, und las ein paar Seiten. Aber schon kamen ihre Eltern herein und ermahnten sie, die Strümpfe zu stopfen oder die Suppe umzurühren. [… Noch] bevor sie erwachsen war, sollte sie dem Sohn eines benachbarten Wollhändlers angetraut werden. [… So] schnürte sie ein kleines Bündel mit ihren Habseligkeiten, ließ sich in einer Sommernacht an einem Seil herunter und macht sich auf den Weg nach London. […] Wie [ihr Bruder] hatte sie eine Begabung fürs Theater. [… Doch] der Theaterdirektor brach in Hohngelächter aus […]—keine Frau, sagte er, sei fähig Schauspielerin zu werden. […] Es war ihr nicht möglich eine Ausbildung in ihrer Kunst zu erlangen. […] Und so—gab sie sich in einer Winternacht selbst den Tod und liegt an einem Kreuzweg begraben, wo jetzt an der Station Elephant und Castle die Busse halten.“

— „Ein Eigenes Zimmer“, Virginia Woolf (1929)

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